Gemeinsam. Stärker.

Das Rosenheimer Modell zur Berechnung des Unterhalts nach der Trennung.

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Übersicht

Unterschiede zum Residenzmodell und Vorteile des Rosenheimer Modells

A Betreuung

1. Residenzmodell: Ein Elternteil ist alleinerziehend

Die heutige Rechtsprechung bestimmt nach der Trennung einen betreuenden“ und einen „zahlenden“ Elternteil (Residenzmodell). Wer mehr als 50% betreut, gilt als alleinerziehend“. Nur bei exakt 50% Betreuungsanteil beider Elternteile lässt der Gesetzgeber, unter eng gefassten Bedingungen, eine gleichwertige Elternschaft (Wechselmodell) zu. 

Der „betreuende“ Elternteil wird im Residenzmodell für die Betreuung als „zuständig” erachtet. Dem „Umgangs“-Elternteil wird lediglich ein Besuchsrecht ohne Erziehungsaufgabe zugestanden. Den Umfang des „Umgangs“ legt das Gericht fest – nicht der betroffene Elternteil selbst. Der „Umgang” beträgt normalerweise jedes zweite Wochenende, mit einer Übernachtung. Im „großzügigen Umgang“ kommt ein weiterer Nachmittag unter der Woche hinzu. Für viele Elternteile und für das Kind ist dies zu wenig.

Dieses Prinzip zweier unterschiedlicher Rollen erzeugt im Residenzmodell die absurde Situation, dass der selbe Elternteil, wenn er 51% betreut, für den Gesetzgeber als alleinerziehend“, bei 49% jedoch als Umgangs-“-Elternteil gilt. Bei genau 50% lebt er im hingegen „Wechselmodell”, Für den normalen Alltag der Familie hat dieser Betreuungsunterschied von wenigen Prozenten keinerlei Relevanz. Die rechtlichen und finanziellen Konsequenzen der jeweiligen Rollen sind für die Elternteile jedoch von enormer Tragweite.

Graphik 1: Bei 51% Betreuungsanteil ist Elternteil A „allein”erziehend, bei 50% leben beide Eltern im „Wechselmodell”, bei 49% wird Elternteil A Umgangs“-Elternteil.

Im Regelfall ist es jedoch für die meisten Trennungseltern aufgrund der realen Lebensumstände praktisch unmöglich, exakt 50% zu betreuen. Diese Anforderung des Gesetzgebers auf den Prozentpunkt genau zu erfüllen, ist für die meisten Trennungseltern eine unsinnige und kaum zu erfüllende Anforderung.

2. Rosenheimer Modell: Beide Elternteile sind „getrennt erziehend“ 

Das Rosenheimer Modell macht keinen Unterschied zwischen den Eltern. Es denkt nicht in Rollen. Beide Eltern sind stets gleichwertig, auch wenn sie normalerweise zu unterschiedlichen Anteilen an der Betreuung beteiligt sind. Sie sind beide getrennt erziehend“. Sie stehen beide gleichermaßen in der Verantwortung, das gemeinsame Kind zu betreuen. Es ist im Rosenheimer Modell explizit gewünscht, dass sich beide Elternteile nach Kräften bemühen, möglichst hälftig zu betreuen. 

Graphik 2: Beide Elternteile sind im Rosenheimer Modell „getrennt erziehend”, unabhängig vom jeweiligen Betreuungsanteil.


Graphik 3: Beispiel Elternteil A betreut 40%, Elternteil B 60%. Beide sind getrennt erziehend.


B Betreuungsplan

1. Residenzmodell: Kein Betreuungsplan vorgesehen.

Im Residenzmodell ist kein Betreuungsplan vorgesehen, den die Eltern gemeinsam und auf Augenhöhe erstellen. Ein Elternteil ist per Gesetz für die Erziehung „zuständig” („alleinerziehend”), der andere erhält ein Besuchsrecht („Umgang”).

2. Rosenheimer Modell: gemeinsamer Betreuungsplan auf Augenhöhe

Im Rosenheimer Modell erstellen beide Eltern auf Augenhöhe einen gemeinsamen Betreuungsplan exemplarisch für zwei Wochen. Dieser wird auf das ganze Jahr hochgerechnet. Daraus ergibt sich die Betreuungsquote. Beide Eltern stehen gleichermaßen in der Elternverantwortung. Sie sollen sich beide nach Möglichkeit bemühen, eine paritätische Vereinbarung zu treffen.

Beispiel: Das Kind geht jeden Tag von 8:00 Uhr bis 16:00 Uhr in die Schule und in die Nachmittagsbetreuung. Der Vater betreut das Kind jeden Donnerstag ab 16:00 Uhr bis Freitag 7:30 Uhr und abwechselnd mit der Mutter im 14-tägigen Rhythmus von Freitag 16:00 Uhr bis Montag 7:30 Uhr. Die Mutter betreut darüber hinaus noch jeden Montag ab 16:00 Uhr bis Donnerstag 7:30 Uhr. Der Vater übernimmt von 98 Schulferientagen 41, die Mutter 57. Damit wird das Kind zu 50% der Zeit von der Mutter, 32% vom Vater und 17% vom Staat betreut. (Durch Rundungsunschärfen addieren sich die Zahlen im Beispiel nicht exakt auf 100%). Im direkten Vergleich, wenn man die stattliche Betreuung nicht berücksichtigt, betreut im Beispiel die Mutter also zu 61%, der Vater zu 39%.

Graphik 4: Beispiel Betreuungsplan im Rosenheimer Modell


C Unterhalt

1. Residenzmodell: Ein Elternteil bezahlt.

Die derzeitige Rechtsprechung, konform mit dem Prinzip ”einer betreut, einer bezahlt”, bestimmt einen zahlenden „Unterhalts”-Elternteil, der alleinig sämtliche Kosten des Kindes in beiden Haushalten der Kinder übernehmen muss. Der „alleinerziehende” Elternteil hingegen ist von der finanziellen Belastung vollständig befreit. Dieses Aufteilen der Eltern in zwei ausgeprägt verschiedene Rollen ist für moderne Familien mit zwei erwerbstätigen und betreuenden Eltern realitätsfremd. Und es hat extrem unterschiedliche finanzielle Auswirkungen für die beiden Haushalte. Im Residenzmodell gilt stets das Prinzip the winner takes it all“. Der andere Elternteil verliert. 

Beispiel: Die Familie hat eine Kind. Elternteil A verdient 2.500 €, Elternteil B 1.800 €. Die Unterhaltspflicht nach Düsseldorfer Tabelle (Zahlbeträge) liegt entsprechend bei 356 € für Elternteil A und 317 € für Elternteil B.

Graphik 5: Die Verteilung der finanziellen Pflichten beider Eltern im Beispiel ist jenseits der 50%-Marke diametral unterschiedlich verteilt. Bei 50% schuldet grundsätzlich kein Haushalt dem anderen Unterhalt. 


2. Reduzierung der Unterhaltspflicht um eine oder zwei Stufen in der Düsseldorfer Tabelle

Nur sehr zögerlich beginnt der Gesetzgeber, die von der Gesellschaft gewünschte gleichwertige Elternschaft nach der Trennung möglich zu machen. Bereits heute kann das Familiengericht zwar den Unterhalt um ein oder zwei Stufen auf der Düsseldorfer Tabelle mindern, wenn ein Elternteil deutlich mehr als im „normalen Umgang“ betreut. Diese Minderung des Unterhalts ist jedoch verschwindend gering und ändert nichts an der weiterhin bestehenden Gültigkeit des grundsätzlichen Prinzips einer betreut, einer bezahlt“. 

3. Rosenheimer Modell: beide Eltern stehen gleichermaßen in der finanziellen Verantwortung

Im Rosenheimer Modell stehen beide Eltern gleichermaßen in der finanziellen Verantwortung. Je nach Betreuungsleistung und finanzieller Leistungsfähigkeit übernehmen sie einen entsprechenden Anteil am Kindesunterhalt. Die Verteilung der finanziellen Verantwortung ist linear und indirekt proportional zum jeweiligen Betreuungsanteil.

Dabei gilt: 

  1. Wer mehr betreut, muss proportional weniger bezahlen.
  2. Wer finanziell leistungsfähiger ist, muss einen proportional höheren Anteil an den Kosten übernehmen.

Das Modell verwendet das Prinzip „einer betreut, einer bezahlt“ nur für die beiden Extremfälle, wenn einer der beiden Elternteile überhaupt nicht betreuen würde. Dann bestünde für den nicht-betreuenden Elternteil auch im Rosenheimer Modell die volle Unterhaltspflicht nach Düsseldorfer Tabelle und der andere - alleinerziehende - Elternteil wäre dann tatsächlich vollständig von der Unterhaltspflicht entbunden. In der Graphik sind die Extremfälle (0% und 100% Betreuungsanteil) für beide Eltern im Beispiel eingetragen.

Graphik 6: Wer gar nicht betreut, bezahlt den vollen Kindesunterhalt. Wer vollständig alleine betreut erhält 100% des Kindesunterhalts. Dazwischen wird der Kindesunterhalt beider Eltern linear aufgeteilt.


Graphik 7: Konkrete Zahlbeträge für die Familie im Beispiel.


D Verteilung der staatlichen Zuschüsse

1. Residenzmodell: alle staatlichen Zuschüsse an den „alleinerziehenden” Haushalt

Zusätzlich zum Kindesunterhalt bekommt im Residenzmodell der Haushalt des  alleinerziehenden“ Elternteils weitgehend alleinig alle staatlichen Unterstützungen (z.B. Kindergeld) für das Kind.

Erklärung zur folgenden Graphik: Es werden die Geldströme (Belastungen oder Entlastungen) im Residenzmodell für beide Haushalte gezeigt, wenn man das Kindergeld (192 €) mit berücksichtigt. Weitere Unterstützungen (Steuerermäßigung, Riester Familienzuschlag, etc.), die ebenso alleinig dem „alleinerziehenden” Haushalt zugute kommen, sind hier nicht mit eingerechnet.  Bis knapp über 50% ist der Elternteil B „alleinerziehend“ und sein Haushalt erhält den Unterhalt und das Kindergeld, bei exakt 50% betreut die Familie im Wechselmodell, das Kindergeld wird hälftig verteilt und der Unterhalt beider Haushalte hebt sich normalerweise auf, knapp unter  50% wird der selbe Elternteil Unterhaltspflichtig und sein Haushalt verliert das Kindergeld. Wenige Prozent Betreuungsunterschied bedeuten für Elternteil B also den Unterschied zwischen 548 € pro Monat zu bekommen oder 317 € zu bezahlen, also eine Differenz von 865 €. Seine Betreuungsleistung und seine Kosten der Kinderbetreuung sind jedoch in allen drei Fällen vergleichbar hoch.

Graphik 8: Vergleich der Geldströme (Unterhalt und Kindergeld) im Residenzmodell.


2. Rosenheimer Modell: beide Haushalte werden proportional unterstützt

Im Rosenheimer Modell werden auch die staatlichen Zuschüsse proportional zum Betreuungsanteil zwischen beiden Haushalten aufgeteilt.

In der folgenden Graphik sind der Unterhalt und die Verteilung des Kindergeldes für die Beispielsfamilie mit berücksichtigt.

Graphik 9: Proportionale Verteilung des Unterhalts und des Kindergelds im Rosenheimer Modell.

 Graphik 10: Geldströme beider Modelle im Vergleich.


E Profiteure und Verlierer

Die Aufteilung in zwei verschiedene Rollen hat im Residenzmodell für die beide Elternteile sehr unterschiedliche finanzielle Konsequenzen. Und auch die Gesamtbelastung durch Betreuung, Erwerbstätigkeit und Unterhaltspflicht, sowie der Entlastung durch staatliche Unterstützung ist für beide Elternteile oft sehr ungleich verteilt.

Es gibt deshalb im Residenzmodell, vorhersehbar und wenig überraschend, regelmäßig Gewinner und Verlierer dieses Systems. Zu jedem profitierenden Elternteil gehört immer auch ein benachteiligter Elternteil.

Graphik 11: Gewinner und Verlierer in der Einzelresidenz.


1. Residenzmodell: vier Gruppen an Verlierern

a, „Echte“ alleinerziehende Elternteile

Graphik 12: „echte” alleinerziehende Elternteile

Echte alleinerziehende Elternteile betreuen wirklich (fast) alleine und ohne Beteiligung des anderen Elternteils. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn der andere Elternteil verstorben ist oder sich bei der Betreuung nicht einbringt. Diese Alleinerziehenden werden vom anderen Elternteil möglicherweise im wahrsten Sinne des Wortes  „allein” gelassen. Eventuell haben diese Alleinerziehenden jedoch beispielsweise mit ihrem Wegzug ihre eigene schlechte Ausgangslage auch selbst mit verursacht. 

Es kann niemanden überraschen, dass es für diese Elternteile überaus schwierig ist, ihre eigene Erwerbstätigkeit mit der (weitgehend) alleinigen Betreuungsverantwortung zu vereinbaren. Diese Elternteile sind oft überlastet und potentiell von Armut bedroht. Auch die Kinder wachsen unter diesen schlechten finanziellen Bedingungen auf. Prekär wird ihre Situation, wenn zusätzlich noch der Kindesunterhalt des anderen Elternteils ausbleibt. 

Die überdurchschnittlich hohe Betreuungsleistung der Alleinerziehenden und deren Erwerbsausfall wird im Residenzmodell nicht berücksichtigt. Sie haben regelmäßig ein sehr geringes eigenes Erwerbseinkommen und ihre spätere Rentenansprüche sind entsprechend desolat. Diese Elternteile bräuchten dringend finanzielle Unterstützung und Entlastung bei der Betreuungsverantwortung.

b, Elternteile, die knapp unter 50% betreuen

Graphik 13: „Umgangs”-Elternteile, die annähernd hälftig betreuen.

Elternteile, die sich nach Kräften in der Betreuung einbringen, aufgrund der äußeren Bedingungen jedoch nicht exakt 50% betreuen können oder dürfen, werden im Residenzmodell ignoriert. Ihre Betreuungsleistung und ihre Kosten im Familienalltag sind durchaus mit dem „alleinerziehenden“ Elternteil vergleichbar. Finanziell sind sie jedoch enorm benachteiligt. Sie erhalten praktisch keine staatliche Unterstützung und sie sind dem anderen Haushalt gegenüber zu 100% unterhaltspflichtig.

Außerdem gilt für sie die erhöhte Erwerbsobliegenheit“. Dies bedeutet, sie müssen immer in Vollzeit erwerbstätig sein, um die volle Unterhaltspflicht leisten zu können. Sie stemmen finanziell die Kosten zweier Haushalte, betreuen jedoch zusätzlich annähernd hälftig. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes doppelt belastet. Viele dieser Elternteile können diese enorme Last nicht vollständig tragen. Große Teile der Gesellschaft nehmen diese hochbelasteten Elternteile dann zusätzlich noch als „Unterhaltspreller“ wahr. Diese Gruppe bräuchte dringend die Anerkennung als verantwortungsbewusste Elternteile und die selbe finanzielle Unterstützung wie der alleinerziehende“ Elternteil.

c, Elternteile, die gerne mehr betreuen würden, dies jedoch nicht dürfen

Der nicht-erziehende“ Elternteil im Residenzmodell hat nur sehr eingeschränkte Rechte innerhalb der Trennungsfamilie. Selbst wenn er mehr betreuen möchte, wird ihm dies von der Rechtsprechung untersagt. Er hat kein Anrecht auf Betreuung, sondern nur ein stark eingeschränktes „Umgangsrecht”. Der andere Elternteil kann einer gemeinsamen Elternschaft ohne Angabe von Gründen widersprechen. Der nicht-erziehende“ Elternteil ist in der Wahrnehmung des Gesetzgebers zahlender Besucher“ der Familie. 

Eine gute Bindung zum Kind benötigt jedoch viel Alltagsnähe. Wird diesen Elternteilen der Alltag mit dem Kind verweigert, droht die Bindung verloren zu gehen. Es kann deshalb niemanden überraschen, wenn im Residenzmodell rund ein Drittel der Umgangs“-Elternteile den Kontakt zu ihrem Kind verliert. Die Dunkelziffer ist hier hoch. Ein Modell, das einen Elternteil in seiner Bedeutung überhöht und den anderen reduziert, erzeugt genau diese Distanz zwischen Kind und dem „Umgangs”-Elternteil, die in sehr vielen Fällen zur Entfremdung zwischen dem Kind und dem Elternteil führen wird. Diese Gruppe an Elternteilen benötigt die Unterstützung des Gesetzgebers, damit sie gleichberechtigt betreuen können, um die Bindung zum Kind nicht zu verlieren.

d. Kinder, die nicht die Ressourcen beider Eltern nutzen können

Und auch die Kinder sind im Residenzmodell oft mit auf der Verliererseite. Überlastete oder benachteiligte Eltern sind für das Kind immer schlechter als zwei finanziell autarke Eltern auf Augenhöhe.

Aus psychologischer Sicht betrachtet ist das Prinzip „einer betreut” im Residenzmodell deshalb grundsätzlich unsinnig, in vielen Fällen für das Kind oder einen Elternteil sogar schädlich. Denn eine tragfähige und tiefe Beziehung des Kindes zu seinen Eltern braucht viel gemeinsame Zeit und Alltagsnähe. Im Residenzmodell ist diese Nähe für das Kind zu einen Elternteil nicht gegeben. Diese Betreuungssituation läuft damit den ureigensten Interessen des Kindes und des Umgangs”-Elternteils zuwider. Ihre Beziehung ist in sehr vielen Fällen im Residenzmodell nach der Trennung akut gefährdet. (Siehe auch die Ausführungen zum Kontinuitätsprinzip).

2. Rosenheimer Modell: keine Verlierer – alle gewinnen

Im Rosenheimer Modell werden die derzeitigen Verlierer im System gestärkt und die bisherigen Gewinner stärker in die Verantwortung geholt. Alle staatlichen Unterstützungen sowie der Kindesunterhalt werden stets nach Betreuungsleistung und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit proportional auf beide Haushalte aufgeteilt.

Graphik 14: Vergleich der Belastungen und Entlastungen im Residenzmodell und im Rosenheimer Modell (Inklusive der Berücksichtigung des Betreuungsmehraufwands. Siehe auch: G Mehrbetreuung und Erwerbsausfall).

Die lineare Verteilung der finanziellen Pflichten beider Elternteile wirkt darüber hinaus auch Streit-mindernd. Beide Elternteile haben es selbst in der Hand, wie sie ihre Betreuungsleistung und ihre daraus resultierende finanzielle Pflicht gestalten wollen.

Graphik 15: ”Echte„ alleinerziehende Elternteile werden im Rosenheimer Modell finanziell besser gestellt, der zu wenig betreuende Elternteil stärker belastet (siehe auch Kapitel G. Mehrbetreuung und Erwerbsausfall).

Graphik 16: Engagierte Elternteile werden im Rosenheimer Modell entlastet, ”falsche„ alleinerziehende Elternteile stärker belastet. 

3. Residenzmodell: Zwei Gruppen an Profiteuren

   a. „Unechte” alleinerziehende Elternteile - Elternteile, die knapp über 50% betreuen 

Graphik 17: Elternteile, die zu Unrecht als „Allein”erziehende wahrgenommen und behandelt werden.

Im Residenzmodell ist derjenige Elternteil am meisten entlastet und am wenigsten belastet, der knapp über 50% betreut. Diese Elternteile kommen alleinig in den Genuss aller staatlichen Unterstützungen (z.B. Steuervorteil, Kindergeld, Riesterzuschlag) und erhalten den ungeteilten Kindesunterhalt des anderen Elternteils. Durch die hohe Betreuungsleistung des anderen Elternteils können sie jedoch gut ihrem eigenen Erwerbsleben nachgehen. Sie sind weder bei der Erwerbstätigkeit noch bei der Betreuung benachteiligt. Trotzdem werden sie von der Gesellschaft fälschlicherweise als schutzbedürftig wahrgenommen. Sie haben als alleinerziehende“ Elternteile große Macht innerhalb der Familie, was sie den anderen Elternteil oft auch spüren lassen. Sie sind keineswegs alleinerziehend“, jedoch oft alleinbestimmend“. Sie genießen zu Unrecht viele Privilegien innerhalb der Trennungsfamilie.

  b. Elternteile, die nicht oder fast nicht betreuen

Graphik 18: Elternteile, die sich nicht oder fast nicht bei der Betreuung der gemeinsamen Kinder einbringen.

Im System „einer betreut, einer bezahlt“ wird die Unterhaltspflicht und die Betreuung des Kindes als gleichwertig erachtet. Das bedeutet aber auch, dass im Residenzmodell derjenige Elternteil, der nicht betreuen möchte, sich möglicherweise relativ billig seiner Betreuungspflicht entziehen kann. Der Kindesunterhalt ist ein sehr geringer Preis dafür, wenn ein Elternteil überhaupt nicht betreuen möchte. Die verfassungsmäßige Pflicht zur Erziehung des eigenen Kindes wird in der derzeitigen Rechtsprechung nicht konsequent eingefordert. Elternteile, die überhaupt nicht betreuen, müssten jedoch viel stärker in die Verantwortung der Gesamtfamilie genommen werden. Sie lassen das gemeinsame Kind und den anderen Elternteil im Stich. Ihr Verhalten ist verwerflich und müsste vom Gesetzgeber stärker sanktioniert werden.

4, Rosenheimer Modell: alle profitieren im gleichen Maße

Im Rosenheimer Modell gibt es keine ausgeprägten Gewinner und Verlierer. Die Belastungen sind grundsätzlich fair verteilt. Alle profitieren in gleicher Weise. Beide Eltern haben genügend Alltag mit dem Kind und können ihrer eigenen Erwerbstätigkeit nachgehen, um wirtschaftlich autark leben zu können. Und das Kind kann von den Ressourcen beider Eltern profitieren.

Streit fördernd oder Streit verhindernd?

1. Residenzmodell: ungleiche Rechte und ungleiche Pflichten für beide Elternteile

a, Streiten ist notwendig. Es kann nur einen Gewinner geben. 

Im Residenzmodell gilt das Prinzip „the winner takes it all”. Das System schafft gerade bei zwei engagierten Elternteilen stets einen Gewinner und einen Verlierer. Es lohnt sich also im Residenzmodell zumindest für einen Elternteil zu streiten. Weil niemand auf der Verlierer-Seite stehen möchte, ist erbitterter Streit um Betreuungsanteile vorprogrammiert. Es gibt viel zu verlieren, und viel zu gewinnen. Der Streitwert ist enorm hoch. Bereits ein Betreuungsunterschied von 2% jenseits der 50% Marke bedeutet ein finanzielle Ungleichbehandlung von oft über 1000€ pro Monat. Konsens und Kooperation sind unter diesen Bedingungen nicht zu erwarten. Heute gibt es in Deutschland bereits mehr Verfahren vor dem Familiengericht als Neugeburten im Land. Diese Entwicklung ist eine direkte Konsequenz des Prinzips „einer betreut, einer bezahlt”.

Besonders betroffen von Streit sind genau jene Elternteile, die sehr gerne hälftig betreuen möchten und dies auch möglich wäre. Genau diese engagierten Eltern, die sich verantwortungsvoll auch nach der Trennung für das Kind einsetzen möchten, werden vom System nicht unterstützt sondern zu erbitterten Gegnern gemacht, wenn ein Elternteil der gemeinsamen Betreuung nicht zustimmt. Der Streit um die „rettende” 50%-Marke ist absurd. Das Prinzip „einer betreut, einer bezahlt” wird diesen modernen Familien im Regelfall nicht gerecht. Heutige Trennungsfamilien empfinden die erzwungene Aufteilung in diametral entgegengesetzte Rollen als eine „Rolle rückwärts” in ein Familienmodell aus der Zeit ihrer Großeltern.

b, Fehlannahme: Wechselmodell ist „im Streit” nicht möglich.

Erschwerend kommt hinzu, dass die derzeitige deutsche Rechtsprechung noch immer oft die Ansicht vertritt, dass eine gemeinsame Betreuung im Streit nicht möglich wäre. Es ist jedoch offensichtlich, dass die große Ungerechtigkeit durch die diametral gegensätzliche Verteilung der Rechte und Pflichten gerade die Ursache des Streites darstellt. Das Streitpotential ist dann im Residenzmodell sogar höher als bei der gemeinsamen Betreuung. 

Hat ein Elternteil mit einer hohen Wahrscheinlichkeit die Aussicht, als „betreuender” Elternteil vom Gericht bestimmt zu werden, ist es für diesen Elternteil überaus lukrativ, den Streit möglichst stark anzufachen, die Betreuungssituation als möglichst „schwierig” darzustellen und jeglichen Konsens zu boykottieren. Streit ist dann für diesen Elternteil der Schlüssel zur erwünschten Einzelresidenz in seinem Haushalt und Prozessstrategie. In der derzeitigen Rechtsprechung wird fast ausnahmslos den Müttern die Rolle des „alleinerziehenden” Elternteils zugesprochen. 

In Ländern mit weiterentwickeltem Familienrecht wird, um den Streit einzudämmen und die Augenhöhe der Eltern zu waren, eine gleichwertige und abwechselnde Elternschaft angeordnet und nicht verhindert.

c, Der „Umgangs”-Elternteil wird im Residenzmodell diskriminiert

Seine Betreuungsleistung wird nicht anerkannt. Und er darf nicht mehr betreuen, selbst wenn er dies möchte und könnte. Gleichzeitig ist er alleinig mit der vollständigen Unterhaltslast belastet. Dies ist diskriminierend und führt verständlicherweise zu Wut, Ablösungstendenzen oder Resignation.

d, Abhängigkeitsverhältnis im Residenzmodell

Darüber hinaus findet sich der „Umgangs”-Elternteil immer in der Position des Bittstellers wieder. Seine Stellung innerhalb der Familie ist stets schlechter und schwächer als die des „alleinerziehenden” Elternteils. Dieses Abhängigkeitsverhältnis schürt Streit und Unzufriedenheit. 

e, Der „echte” alleinerziehende Elternteil wird im Stich gelassen

„Echte” alleinerziehende Elternteile sind selten. Nur wenn der andere Elternteil verstorben oder nicht mehr verfügbar ist, erziehen diese Elternteile wirklich „alleine”. Diese „echten” alleinerziehenden Elternteile fühlen sich jedoch zu Recht mit der Betreuungslast alleine gelassen. Sie sind oft extrem belastet, was zu großer Unzufriedenheit und Wut führen kann. Auch ist ihre wirtschaftliche Situation oft prekär, was zu einem großen Teil gerade auch dem rücksichtslosen und verantwortungslosen Verhalten des anderen Elternteils geschuldet ist.

2. Rosenheimer Modell: gleiche Rechte und gleiche Pflichten für beide Elternteile

Im Rosenheimer Modell gibt es kein „Ranking” der Eltern. Beide sind für das Wohlergehen des Kindes in gleicher Weise wichtig und zuständig. Für beide gelten die gleichen Rechte und Pflichten. Augenhöhe und Gleichberechtigung ist unbestritten die beste Grundlage für eine friedvolle Ko-Existenz der beiden Trennungshaushalte. Das Rosenheimer Modell wirkt damit grundsätzlich deeskalierend im Elternstreit.

Die finanzielle Verantwortung der Eltern richtet sich im Rosenheimer Modell streng logisch und fair nach dem jeweiligen Betreuungsanteil und der finanziellen Leistungsfähigkeit jedes Elternteils. Die Kosten sind damit grundsätzlich immer gerecht verteilt. Durch die lineare Verteilung der Unterhaltspflicht ist der Streitwert auch deutlich geringer als im Residenzmodell. Streit wird dadurch bereits im Keim erstickt.

G Mehrbetreuung und Erwerbsausfall

1. Residenzmodell: keine zusätzliche Unterstützung für „echte” Alleinerziehende 

Im Residenzmodell sind die Erwerbsmöglichkeiten für beide Elternteile und die Betreuungsleistung oft sehr ungleich verteilt. Einen Ausgleich für den deutlich höheren Betreuungsaufwand praktisch oder tatsächlich alleinerziehende Elternteile gibt es jedoch nicht.

2. Rosenheimer Modell: Erwerbsausfall und Mehrbetreuung wird kompensiert 

Das Rosenheimer Modell erwartet von beiden Elternteilen, dass sich beide darum bemühen, jeweils möglichst hälftig ihre gemeinsamen Kinder zu betreuen. Wenn ein Elternteil weniger als 50% betreut, wird der andere Elternteil dadurch zusätzlich belastet. Diese Belastung liegt in der zusätzlichen Betreuungsarbeit und der erhöhten Problematik, das eigene Erwerbseinkommen mit der Betreuung zu vereinbaren. Der mehr betreuende Elternteil hat im Rosenheimer Modell also grundsätzlich die Pflicht, diese Benachteiligung des anderen Elternteils entsprechend finanziell auszugleichen. 

H Anreize und Fehlanreize 

1. Residenzmodell: Fehlanreize, nicht betreuen zu wollen und gemeinsame Elternschaft zu boykottieren  

a, Fehlanreiz, streiten zu wollen und nicht zu kooperieren

Es besteht im System „einer betreut, einer bezahlt” zumindest für den Elternteil, der mit hoher Wahrscheinlichkeit als „betreuender” Elternteil anerkannt werden wird, ein großer Anreiz, streiten zu wollen. (Siehe F 1 a, Streiten ist notwendig. Es gibt nur einen Gewinner.) Wer streitet profitiert, wer nachgibt verliert in diesem System. 

b, Fehlanreiz, nicht betreuen zu wollen

Im Residenzmodell wird nur der Elternteil finanziell berücksichtigt, der es schafft, über die 50%-Marke zu gelangen. Der andere Elternteil wird durch seine Betreuungsleistung regelrecht bestraft. Seine Gesamtbelastung steigt kontinuierlich an, wenn er mehr als gesetzlich vorgeschrieben betreut. Ob dieser Elternteil überhaupt nicht oder beispielsweise 45% betreut, ändert nichts an seiner stets gleichen Unterhaltspflicht. Der fleißige und engagierte Umgangs“-Elternteil ist in diesem System damit letztlich der Dumme“. 

Wen kann es verwundern, dass sich heute so viele „Umgangs”-Elternteile, gerade wenn die Bindung zum Kind nachgelassen hat, aus der Betreuung völlig zurück ziehen? Das große Heer an alleinerziehenden Elternteilen ist im System einer betreut, einer bezahlt“ zwingende Konsequenz und wenig überraschend.

c, Fehlanreiz, nicht nach Kräften erwerbstätig sein zu wollen 

Im Residenzmodell ist der Druck zur eigenen Erwerbstätigkeit für den „unechten” „alleinerziehenden” Elternteil, wenn der andere Elternteil sich in der Betreuung nach Kräften mit einbringt, stark abgefedert. Es besteht durch den alleinigen Bezug aller staatlichen Unterstützungen und dem Kindesunterhalt für ihn keine drückende Notwendigkeit, selbst nach Kräften erwerbstätig sein zu müssen. 

Erschwerend kommt hinzu, dass derjenige Elternteil, der bereits in der intakten Familie die Familie ernährt hatte, nach der Trennung dafür bestraft wird und das Familienleben weitgehend komplett verlieren wird. Wer also nach der Trennung das Familienleben behalten möchte, darf während der Beziehung nicht im höheren Umfang als der andere Elternteil erwerbstätig sein. Die Anwendung dieses Kontinuitätsprinzips schreckt viele von einer umfangreichen Erwerbstätigkeit in der Trennungsphase ab. (Siehe auch Kapitel Hindernisse, Kontinuitätsprinzip und ungleiche finanzielle Behandlung)

2. Rosenheimer Modell: gezielte Anreize, betreuen und erwerbstätig sein zu wollen

Das Rosenheimer Modell setzt gezielte Anreize, um beide Elternteile für die Betreuung der Kinder zu gewinnen. Wer mehr betreut, wird proportional stärker entlastet. Dies nimmt auch jeglichem Streit ums Geld viel Wind aus den Segeln“. Der Streitwert ist viel geringer. 

Das Kontinuitätssystem findet im Rosenheimer Modell keine Anwendung. Beide Elternteile können jederzeit ihren Betreuungsanteil oder ihre Erwerbstätigkeit steigern, ohne dass dies Auswirkungen auf ihre Wertigkeit als Elternteil hat.

Beide Eltern wissen im Rosenheimer Modell, dass sich die Betreuungsleistung finanziell auswirkt. Sie haben beide einen Grund betreuen zu wollen, sie werden dann finanziell entlastet. Das Rosenheimer Modell will erreichen, dass sich beide Elternteile darum bemühen, die Erwerbstätigkeit und die Betreuung zu vereinbaren. Die Vereinbarkeitsproblematik betrifft beide Elternteile in gleicher Weise.

Im Rosenheimer Modell wird nur dann der volle Unterhalt nach Düsseldorfer Tabelle fällig, wenn der Elternteil überhaupt nicht betreut. Denn je mehr ein Elternteil betreut, desto größer ist der Anteil seines Einkommens, der ihm alleinig für seinen Haushalt und den Alltag mit seinen Kindern verbleibt. Es macht daher im Rosenheimer Modell Sinn, betreuen und erwerbstätig sein zu wollen. Der Bedarf des Kindes ist jedoch in allen Betreuungskonstellationen im Rosenheimer Modell gesichert.

Im Rosenheimer Modell ist der Streitwert um die 50%-Marke verschwindend gering. Streit um Betreuungsanteile macht dort keinen großen Sinn.

Das Rosenheimer Modell zielt darauf ab, beiden Elternteilen eine existenzsichernde Erwerbstätigkeit zu ermöglichen. Dadurch dass beide Eltern dazu motiviert werden, sich in der Elternverantwortung einzubringen, haben auch beide Elternteile bessere Chancen, ihrem eigenen Erwerbsleben nachzugehen. 

Auch Anbetracht des Ausbaus der staatlichen Nachmittagsbetreuung müsste im Rosenheimer Modell für beide Elternteile eine eigene Erwerbstätigkeit im Bereich von mindestens 75% realisierbar sein.

I Was ist am besten für die Kinder?

1. Residenzmodell: Kinder verlieren einen Elternteil im Alltag 

Im Residenzmodell ist es vorgesehen, dass das Kind nur noch einen eingeschränkten Kontakt mit einem Elternteil haben kann. Dies widersprecht schon im Ansatz den Grundbedürfnissen jedes Kindes. Sie möchten auch nach der Trennung möglichst viel Alltagsnähe mit beiden Eltern verbringen.

Auch ist die wirtschaftliche Situation der Kinder im Residenzmodell oft prekär. Die Belastungen der Eltern sind oft sehr ungleich verteilt. 

2. Rosenheimer Modell: Alltagsnähe zu beiden Eltern  

Im Rosenheimer Modell ist es oberstes Ziel, dass dem Kind beide Elternteile als präsente und unterstützende Helfer in seinem Alltag erhalten bleiben. Das Kind verliert keinen Elternteil.

Und die Vereinbarkeit von Betreuung und Erwerbstätigkeit ist im Rosenheimer Modell für beide Eltern besser zu realisieren. Damit ist auch zu erwarten, dass die Erwerbstätigkeit beider Eltern in der Summe und damit das Gesamteinkommen der Familie deutlich höher ausfällt als im Residenzmodell. Die wirtschaftliche Gesamtsituation der Familie verbessert sich damit deutlich.

I Beteiligung der Gerichte

1. Residenzmodell: Das Prinzip „einer betreut, einer zahlt” erzwingt Beteiligung der Gerichte 

Im System „einer betreut, einer zahlt” gibt es nur Gewinner und Verlierer. Engagierte Eltern stehen damit oft vor der unlösbaren Aufgabe, selbst eine Betreuungssituation zu finden, die diesem Prinzip gerecht wird. Und es ist eine große Versuchung, für mindestens einen Elternteil, die Betreuungssituation und die Auseinandersetzung als möglichst schwierig darzustellen, wenn dieser Elternteil die Hoffnung hat den lukrativen Part des „betreuenden” Elternteils vom Gericht zugesprochen zu bekommen.

2. Rosenheimer Modell: Eltern können auf Augenhöhe verhandeln und entscheiden

Es ist vorgesehen, dass der Betreuungsplan und die finanziellen Vereinbarungen im Rosenheimer Modell normalerweise ohne die Zuhilfenahme vom Familiengericht getroffen werden soll. Auch dürfen die Eltern jederzeit ihre Vereinbarungen den veränderten Rahmenbedingungen anpassen. Beide Eltern haben grundsätzlich ein Interesse daran, mit dem anderen Elternteil zu kooperieren.

Geeignete Institution, die den Eltern (auch hochstrittigen) bei der Ausarbeitung eines für sie passenden Planes zur Verfügung stehen können, müssen in Deutschland noch geschaffen werden.